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Dialog 1

Hören, Sehen, Spüren wer ich sein kann: Ausdrucksqualitäten und Persönlichkeit

Eine Person bewegt sich in schneller Bewegung auf zwei andere Personen zu

Bei unseren Vorüberlegungen zu dieser Veranstaltung stand die Frage im Vordergrund, welche Impulse für die Praxis ein Dialog zwischen den Künsten therapeutisch tätigen Menschen geben kann. Faktisch wird in dem nach Sparsamkeit ausgerichteten Gesundheitswesen so gut wie nie die Gelegenheit geboten, Musik- und Tanztherapie in einer Behandlungssitzung zu kombinieren. Daher lagen uns keine erprobten dialogischen Interventionen aus der therapeutischen Praxis vor. Wir bedienten uns statt dessen einzelner Übungen aus einem künstlerischen Forschungsprojekt von Eva Scheuer, Musikerin und Musiktherapeutin, und Ximena Romero, Tänzerin, über den Dialog zwischen Musik und Tanz.

Im Nachhinein betrachtet, ermöglichte diese Rückbesinnung auf die künstlerischen Quellen unserer Verfahren die Wiederentdeckung der Potenz des jeweiligen Mediums uns zu berühren und zu bewegen. In ihrer abstrakten Reduktion sind künstlerische Fragestellungen wie: „Wie komme ich von A nach B?" ein Spiegel der Grundfrage jeder Therapie: „Wie komme ich vom Zustand ´Krank´ zum Zustand ´Gesund´?" Die unterschiedlichen Wirkweisen der Medien Musik und Tanz wurden unmittelbar spür- und vergleichbar. Dies schärfte das Bewusstsein für die eigenen Stärken bei der therapeutischen Intervention bzw. für die Indikation einzelner Techniken für bestimmte Patienten. Die folgende Darstellung der Angebote der Dialogveranstaltung könnte dem Leser Anregungen für seine Praxis vermitteln, auch ohne sie miterlebt zu haben.

Da Persönlichkeit, Identität und Rollenbewusstsein sehr stark mit Identifizierungsprozessen einhergehen, gestalteten wir die Übungen so, dass es neben Tanzenden und Musizierenden auch Betrachtende gab, die die Möglichkeit hatten, einer Identifikation mit bzw. einer Abgrenzung zu den agierenden Personen nachzuspüren. Nach jeder Übung trafen sich Trios zur verbalen Reflexion, bestehend aus jeweils einer Person aus der Gruppe derer, die gerade musiziert, getanzt oder zugeschaut hatten.

Persönlichkeit beinhaltet die Eigenschaften, das Temperament und den eigenen Stil des Menschen. Diese Aspekte haben wir durch den Vergleich verschiedener Ausdrucksqualitäten in Musik und Bewegung und deren Begegnung erforscht. Gleichzeitig wurde auf einer Metaebene etwas von der „Persönlichkeit" der Musik bzw. des Tanzes im Vergleich erfahrbar. Der ersten Phase galt die Erweiterung des Wahrnehmungs- und Verhaltensrepertoires. Wir nannten den Teilnehmern 24 Fachbegriffe für tänzerische und musikalische Eigenschaften, zum Beispiel ´gleichmäßig´, ´sanft´, ´groß´, ´aufwärts´ aus dem Tanz und ´Staccato´, ´Mezzo-Forte´, ´harmonisch´ und ´Diminuendo´ aus der Musik. Die Teilnehmer setzten die Begriffe wechselweise mit ihrem Körper oder mit einem Instrument um.

In der Improvisationsphase wurden ausgewählte Modalitäten als Grundlage für soziale Rollen angeboten. Verschiedene künstlerische Fragestellungen hoben den Teilnehmern Aspekte von Rollen ins Bewusstsein. So ist eine Rolle per Definition eine Beschränkung auf bestimmte Eigenschaften. Viele Krankheiten werden ebenfalls als Beschränkungen erlebt. Dennoch kann aus der Herausforderung der Beschränkung eine kreative Inspiration entstehen.

2 Menschen stehen sich in leicht geneigter Haltung gegenüber

Die erste Improvisation beinhaltete, dass die Tänzer eine einzige Bewegung, die Musiker einen einzigen Ton nutzen durften, diesen jedoch durch die zuvor gelernten Qualitäten variieren konnten. Nach einem kurzen Entsetzen entdeckten die Akteure, wie sie sich gegenseitig beflügelten zu einem zwar übersichtlichen, aber doch sehr vielfältigen musikalisch-tänzerischen Gesamtwerk.

Die zweite Improvisation betraf die Wandelbarkeit unserer Identität und der Rollen, die wir einnehmen. Die Aufgabenstellung lautete, einen Prozessverlauf von A nach B zu gestalten. Im ersten Durchlauf stimmten sich einmal die Tänzer auf die Musiker ein, und dann umgekehrt, die Musiker sich auf die Tänzer. Im zweiten Durchlauf bewegten und musizierten die Akteure unabhängig von einander, was den Raum für überraschende Einstimmungen und Missstimmungen eröffnete. Das mit- oder gegeneinander Wirken von Umwelt und Protagonist bildete sich ab, wie es sich sonst auch im therapeutischen Prozess zeigt.

Die dritte Improvisation griff den Aspekt der Anpassung und des Widerstandes oder Kontrastes auf. Die Teilnehmer konnten erfahren wie sich Rollen in der Interaktion zwischen Innenwelt und Umwelt ausformen. Mal interpretierten die Musiker die Bewegungen der Tänzer, mal interpretierten die Tänzer die Klänge der Musiker. Aspekte wie ´verstanden werden´, ´verspottet werden´, ´intensiviert´ oder ´transformiert werden´ kamen zum tragen.

Die Anwesenden waren wie berauscht, von der Schönheit der Bilder, die bei jeder Improvisation entstanden, und vom emotionalen Widerhall der Erfahrungen mit den einzelnen Fragestellungen.

Schließlich wurden Alltagsmärchen gestaltet, die wahre, befürchtete oder ersehnte Geschichten des Lebens zum Ausdruck brachten. Die Teilnehmer entschieden sich für eine tänzerische oder musikalische Qualität als Rolle, mittels welcher sie sich zu Gruppen zusammen fanden. Dann gestalteten sie ihr Märchen, entweder

  • von der Ausdrucksqualität zur Rolle zu der Geschichte, oder
  • von der Geschichte ergaben sich Rollen mit einer speziellen Ausdrucksqualität.

Nach der Darbietung der Alltagsmärchen beendeten wir die Dialogveranstaltung mit einem Abschlussgruß im Kreis.

Voraussetzung und Rahmenbedingung der Veranstaltung war die Bereitschaft und das Interesse der Teilnehmer, sich dem Wagnis künstlerischen Handelns zu stellen und etwas über sich zu erfahren. Eine wesentliche Erkenntnis war die Bestätigung der therapeutischen Wirksamkeit der künstlerischen Aufgaben- und Fragestellungen OHNE weiteres Beiwerk an individueller psychologischer Gesprächsführung, denn diese war durch die große Personenzahl ausgeschlossen.