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Workshop 5

Tanztherapie mit traumatisierten Flüchtlingen: Aus der Arbeit des Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge (PSZ) in Düsseldorf

Menschen bewegen sich durch einen größeren, offenen Raum

Die KlientenInnen des PSZ Düsseldorf haben in etwa 90% der Fälle massive Gewalt erlebt: Inhaftierung, Folter, Lagerhaft, Vergewaltigung, Zeugenschaft von Mord oder Massakern im Rahmen von politischer Gewalt oder Krieg/ Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Die Herkunftsländer der Klientinnnen sind u.a. Türkei (Kurden), Iran, Kosovo (Albaner), Sri Lanka (Tamilen), Kongo, Togo, Uganda, Kamerun, Sierra Leone, Äthiopien etc. Flüchtlinge in Deutschland leben unter ungünstigen Lebensbedingungen (Wohnheime, Zwangsarbeit, eingeschränkter Zugang zum Gesundheitssystem), ihr Bleiberecht unterliegt der restriktiven deutschen Asylgesetzgebung und ist abhängig von der Fähigkeit, sein Verfolgungsschicksal widerspruchsfrei glaubhaft zu machen. Traumatisierte Menschen sind hierzu oft nicht in der Lage - sie vermeiden, über das Erlebte zu sprechen, sind in einem betäubten und gleichgültigen, oder aber in einem aufgewühlten, erregten Zustand. Infolge massiver Gewalterfahrungen kann es zu einer Vielzahl psychischer Störungsbilder kommen: Posttraumatische Belastungsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen, Dissoziative Zustände, Somatoforme Störungen, Psychosen, Suizidale Krisen, um nur einige der wichtigsten zu nennen.

Das Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge in Düsseldorf besteht seit 1989 und ist Mitglied der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folterüberlebende (BAFF). Das Team des PSZ Düsseldorf besteht aus Mitarbeiterinnen aus dem Iran, aus Kurdistan, aus Ruanda, aus Deutschland. Zusätzlich werden qualifizierte DolmetscherInnen in Therapie und Beratung eingesetzt, so dass eine muttersprachliche Verständigung gewährleistet werden kann.

Menschen bewegen sich mit erhobenen Armen durch einen Raum

Das PSZ Düsseldorf bietet Flüchtlingen psychosoziale Beratung, sozialarbeiterische Begleitung und Psychotherapie an. Zur Verfügung stehen folgende Methoden: Verhaltenstherapie, EMDR, Systemische Therapie, Psychodrama, Tanz- und Bewegungstherapie, Kunsttherapie. Wir arbeiten methodenintegrativ und klientenzentriert, zunächst geht es um Stabilisierung, Symptomkontrolle und die Reaktivierung von Ressourcen. Anschließend kann die Phase der Traumabearbeitung beginnen, die eine Integration der traumatischen Erfahrungen in den Gedächtniskontext und in das Selbstbild zum Ziel hat. Zur Verfügung stehen Einzel-, Paar-, Familien- und Gruppensetting. Darüber hinaus werden Sprachkurse und Qui-Gong Gruppen angeboten.

Neben der Klientenarbeit, zu der auch die Erstellung von Gutachten und Stellungnahmen zur Vorlage bei Gerichten und Behörden zählen, bilden Öffentlichkeitsarbeit, politische Lobbyarbeit und Fortbildungen einen weiteren Schwerpunkt in der Arbeit des PSZ. In Weiterbildungen für Behörden, Richter und andere Berufsgruppen wird eine Sensibilisierung für die Gruppe der traumatisierten Flüchtlinge angestrebt. In Fortbildungen für ÄrzteInnen und TherapeutenInnen streben wir eine Öffnung des Gesundheitssystems für unser Klientel an. In Veröffentlichungen und im Rahmen von Veranstaltungen wird auf die Problematik aufmerksam gemacht, im Rahmen von Verbands- und Lobbyarbeit werden Forderungen an die Politik auf regionaler, nationaler und europaweiter Ebene weitergegeben.

In dem Workshop haben wir uns mit den Grundlagen der Tanz - und Bewegungstherapie für traumatisierte Flüchtlinge beschäftigt. Neben kulturell unterschiedlichen Konzeptionen von "Krankheit und Gesundheit", die von der Therapeutin eine Reflektion der eigenen kulturellen Eingebundenheit erfordert, bestehen bei Traumatisierten Gemeinsamkeiten, die in einem neurobiologischen Modell erklärbar werden: Das Gedächtnis besteht- vereinfacht ausgedrückt - aus zwei Teilen, einem emotionalen Gedächtnis (Amygdala), das sich vorwiegend in körperlichen Empfindungen ausdrückt, und einem kognitiv - verbalen Teil (Hippocampus), unserem Faktengedächtnis. Während im Normalfall eine enge Verbindung zwischen beiden Teilen besteht, kommt es bei Traumatisierten zu einer Übererregung des emotionalen Gedächtnis (Angst, es geht um Überleben - Flucht, Kampf, Totstellen als uralte Überlebensstrategien) und zu einer verminderten Aktivierung des kognitiven Gedächtnis. Die Folge beschrieb eine kurdische Klientin folgendermaßen: "Es ist merkwürdig! Alles, woran ich denken muss, vergesse ich immerzu - was ich einkaufen muss, wo ich den Schlüssel hingelegt habe, oft vergesse ich auch aus der Bahn auszusteigen oder verirre mich. Als wenn ich den Kopf verliere oder verrückt werde. Und das, was ich gerne vergessen will, das Gefängnis, die Soldaten, das ist ständig präsent. Ich rieche ihren Schweiß, höre die Schritte auf dem Gang, in meinen Ohren sind die Schreie und mein Körper schmerzt, als wenn sie es immer wieder tun."

Ein gezeichnetes Bild eines Mannes der eine Kugel, die an sein Bein gekettet ist, vor sich schiebt
aus: Tätigkeitsbericht für das Jahr 2002 Hrsg: Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf

Insofern bieten tanz - und bewegungstherapeutische Methoden einen wichtigen Ansatz in der Traumatherapie: Zunächst geht es um eine Verankerung in der Realität, eine Wahrnehmungssensibilisierung - die aktuelle Realität wahrzunehmen und nicht ständig die Sinne mit Nachhallerinnerungen und Traumaerlebnissen überschwemmt zu erleben. Für die verbale Traumatherapie ist Körperarbeit und die Arbeit mit Emotionen ebenso essentiell, wie für Körpertherapien die Verbalisierung.

Für detaillierte Informationen möchte ich auf einen Artikel verweisen, der in Kürze erscheinen wird:

Schaeffer, E.(2004): "Tanz - und Bewegungstherapie mit traumatisierten Flüchtlingen", in: "Psychologische Medizin und Psychotraumatologie", Hrsg. Prof. G. Fischer, Uni Köln. Schwerpunktheft: "Therapie mit Flüchtlingen", erscheint März/April 2004.

Weitere Informationen:

Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge

Düsseldorf

psz.ddorf@mail.isis.de