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Workshop 7

TANZTHERAPIE AUF DER BASIS VON ANNA HALPRINs LIFE-ART-PROCESS

Eine Frau tanzt mit geschlossenen Augen vor dem Abbild eines Menschenähnlichen Wesens
"Self Portrait Dance" von Anna Halprin aus dem Jahre 1975, den sie als ihren "Healing Dance" zur Überwindung ihrer Krebserkrankung getanzt hat. Der Photograph ist unbekannt.

Anna Haprins Einfluss auf die Entwicklung des Tanzes und die Tanztherapie in unserer Zeit ist nicht mehr zu übersehen. Als Grenzgängerin zwischen den Bereichen künstlerischer und therapeutischer Arbeit hat sie Brücken gebaut, die Leben und Kunst im „Life-Art-Process" miteinander verbinden. Ihre persönliche Erfahrung, sich durch den Tanz von einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung befreit zu haben, hat sie von dem heilenden Potential des Tanzes nachhaltig überzeugt. So spricht sie vom Tanz als „Healing Art" und beschreibt in ihrem Buch „Tanz, Ausdruck, Heilung" die von ihr am Tamalpa Institut in California entwickelten Strukturen dieses umfassenden kreativen Prozesses ganzheitlichen Lernens und Heilens.

Charakteristisch für den Life-Art-Process ist sein trans-medialer Ansatz, der in der zyklischen Verbindung von Körperarbeit (Movement-Ritual), Bewegung, Tanz und dem Malen seinen Ausdruck findet. Psycho-kinetische Visualisierung nennt Anna Halprin das von ihr entwickelte dreiphasige Konzept, das seinen Ausgangspunkt in der aktiven Imagination innerer Bilder und deren Visualisierung im Malen findet, um dann in der Bewegungsübertragung der Bilder wieder in den Tanz und die Performance zu führen. Zwei miteinander ko-respondierende Medien ermöglichen einen intra- und interpersonalen Dialog, durch den leibliche Erkenntnisprozesse im Raum jenseits von Sprache erfahrbar und integrierbar werden.

Anna Halprins „Life-Art-Process" hat seine Wurzeln in dem phänomenologischen Ansatz der von Fritz Perls geprägten Gestalttherapie. Ihre persönliche Begegnung mit Fritz Perls am Esalen Institut in den 60iger Jahren, hat Anna Halprins Suche nach einer Integration persönlichen Wachstums in den Tanz eine entscheidende Richtung gegeben. Nicht Deutung, sondern Erkenntnisgewinn durch leibliche Identifikation, nicht Abstinenz sondern Korrespondenz und Dialog im therapeutischen Kontakt, sind die kreativ handelnden Grundstrukturen des „Life-Art-Process".

Aber nicht nur Anna Halprins Berührungspunkte mit der Gestalttherapie, sondern auch ihre persönlichen Erfahrungen in der Begegnung mit der indianisch-schamanistischen Kultur Nord-Amerikas, haben unübersehbare Spuren im „Life-Art-Process" hinterlassen. So wird der Tanz zum Ritual, wenn – der Definition Anna Halprins folgend - individuelle oder auch kollektive Lebensfragen mit der Intention konfrontiert werden, sie handelnd zu verändern. Der Zuschauer wird zum Zeugen eines transformativen Prozesses, der eine Begegnung im Raum jenseits von Sprache möglich macht. Eine Begegnung, die gekennzeichnet ist von gegenseitiger Wertschätzung und Solidaritätserfahrung.

So ist der „Life-Art-Process" nicht nur ein „therapeutisches" Instrumentarium in der kreativen Lenkung und Gestaltung persönlicher Wachstumsprozesse. Er ist in gleichem Maße ein Instrumentarium kollektiven und sogar politischen „Empowerments", indem er auch einer größeren Gruppe oder Gemeinschaft Handlungsstrukturen bietet, kollektive Lebensfragen unserer Zeit handelnd zu konfrontieren und zu transformieren. Anna Halprin war eine der ersten, die Hiv-Infizierten Menschen die Möglichkeit gab, sich im Tanzritual aus ihrer sozialen Isolation in eine große Gemeinschaft Mittanzender zu integrieren. Und sie war eine der ersten, die Fragen interkultureller Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen Amerikanern im Tanz konfrontierte.

So ermöglicht die Klarheit der Intention des „Life-Art-Process", individuelle und kollektive Lebensfragen zum Impulsgeber des Tanzes zu erklären, seine Verortung im Zwischenraum von therapeutischer und künstlerischer Arbeit.

Ursula Schorn, M.A. - Tanztherapeutin (BTD) und Halprin Practitioner